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Moon of Alabama: Wahlen in Deutschland - "Erst kommt das Fressen..."

Von "b", 24. Februar 2025, zuerst veröffentlicht bei Moon of Alabama


In Kommentaren wurde ich gebeten, über die gestrigen Wahlen in Deutschland zu schreiben. Aber ich finde es schwierig, mein Land von innen zu beschreiben. Es gibt bereits gute Rezensionen, und Conor Gallagher von Naked Capitalism hat eine großartige Arbeit geleistet, deren Lektüre ich sehr empfehle:



In der alternativen Realität der deutschen Politik sind die USA ein Freund. Sie haben die Nord-Stream-Pipeline nicht gesprengt und sie haben nichts getan, um den Stellvertreterkrieg mit Russland zu provozieren. In der alternativen Realität ist die Schwäche des deutschen verarbeitenden Gewerbes nicht von ihnen verursacht worden.


In der alternativen Realität geht es um „Werte“.


Der legendäre Schriftsteller Billmon hatte seinen Blog Whiskey Bar genannt. Es war eine Anspielung auf das Alabama-Lied von Berthold Brecht. Als Billmon die Kommentare auf seiner Seite schloss, eröffnete ich diesen Blog als Alternative. Ich nannte ihn Moon of Alabama in Anlehnung an den Refrain dieses Liedes.


Die Bundestagswahl hat mir eine weitere Brecht-Oper in den Sinn gebracht.


Die in ihrer alternativen Realität lebenden Regierungsparteien in Deutschland haben vergessen, dass „Fressen“ [...] vor „Moral“ [...] kommt.


Die Wähler haben das honoriert, indem sie „Alternativen“ gesucht und gewählt haben:



MAC - Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben

Und Sünd’ und Missetat vermeiden kann,

Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben,

Dann könnt ihr reden: Damit fängt es an.


Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt,

Das eine wisset ein für allemal:

Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt,

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.


Erst muß es möglich sein auch armen Leuten,

Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.


HINTER DER SZENE - Denn wovon lebt der Mensch?


[...]


Ich habe für das BSW gestimmt, die neue Partei der „konservativen Sozialistin“ Sarah Wagenknecht. Sie ist meines Erachtens die einzige Partei, die Brechts Warnung an die Herrschenden verstanden hat: Pragmatismus, hier: Brot durch Frieden mit Russland und Migrationsbegrenzung, muss an erster Stelle stehen; vor allen Appellen an abstrakte 'Werte', Ethik und Moral.


Die noch sehr junge Partei BSW hat 4,97% aller Stimmen erhalten. 13.500 Stimmen weniger als nötig, um die 5%-Hürde zu nehmen und ins Parlament einzuziehen. Das ist bedauerlich, aber es gibt Gründe dafür:


"Das BSW wurde von den vorgezogenen Neuwahlen überrumpelt. Der Partei fehlte es an lokaler Infrastruktur und an Geld für den Wahlkampf. Sie war gezwungen, in aller Eile Regionalverbände zu gründen, um an der Bundestagswahl teilnehmen zu können."


Ich bin optimistisch, dass die Partei weiter wachsen wird, denn sie ist derzeit die einzige echte Alternative in der deutschen Politik.


Was die anderen Parteien betrifft: Die Alternative für Deutschland (AfD) war der klare Gewinner dieser Wahlen. Sie wurde oft als „rechtsradikal“ bezeichnet und sogar mit dem Faschismus verglichen. Das hat eine Art Streisand-Effekt erzeugt und ihr Wachstum ermöglicht. Aber ihr Programm und ihre Ideen erinnern an die konservativen Christdemokraten in den 1980er Jahren. Sie ist eifrig pro-kapitalistisch und pro-amerikanisch, aber inkonsequenterweise auch pro-russisch. Das hat ihr in Ostdeutschland zum Sieg verholfen.


Die Mitte-Links-Sozialdemokraten waren die größten Verlierer dieser Wahl. Es ist das erste Mal seit 1887(!), dass sie nicht die Nummer eins oder Nummer zwei in Deutschland ist, sondern den dritten Platz belegen musste. Aber es ist immer noch sehr wahrscheinlich, dass sie als Juniorpartner der Christdemokraten wieder regieren wird.


Das Verhältniswahlrecht in Deutschland (kein „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“) garantiert so ziemlich, dass alle deutschen Regierungen auf Koalitionen beruhen. Die Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen, verhindert radikale Ergebnisse. Das führt zu einer Politik, die sich durch Probleme hindurchwurstelt, anstatt sie zu lösen.


Das sind keine guten Aussichten für Deutschland, aber wir werden wieder einmal damit leben müssen.


Positiv zu vermerken ist: 100 % der 50 Millionen Stimmen, die alle auf Papierzetteln abgegeben wurden, waren innerhalb von 8 Stunden ausgezählt. Es gab keine Unruhen. [Wohl ein kleiner Wink an die amerikanische Leserschaft, die eher das Gegenteil gewohnt ist, Anm. d. Übers.]


[...]

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Gelegentlich übersetze ich ausländische Beiträge aus verschiedenen Sprachen, die ich interessant oder wichtig finde, um sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Die in den Übersetzungen geäußerten Positionen stammen allein von den ursprünglichen Verfassern und spiegeln nicht zwangsläufig meine eigenen Ansichten wieder. Weitere Beiträge finden Sie unter der Kategorie "Übersetzungen".

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